teatro-recall
Arrr… Heute morgen fällt mir das Aufwachen besonders schwer. Um sieben Uhr dreißig liege ich immer noch im Bett, obwohl ich eigentlich schon aufgestanden sein sollte. Gegen acht quäle ich mich aus den Decken, dusche, ziehe mich an und trinke einen Kaffee (Der Amarettosirup ist alle - was für eine Welt!). Kurz nach neun verlasse ich das Haus. Meine Gesangslehrerin erwartet mich um viertel vor zehn zum einsingen.
Es fällt mir dieses Mal schwerer als sonst - wie irgendwie alles heute. Es ist, als würde ich mich durch einen sehr zähen Quark bewegen. Es ist anstrengend und frustrierend. Meine Stimme ist nicht so geschmeidig wie sonst. "Der letzte Tanz" macht mir besondere Mühe. "You're timeless to me" geht gerade so, aber es ist nicht das Gleiche. Mein Gesangscoach versucht mir Tipps zu geben, aber alles was sie mir sagt macht die Sache noch verworrener.
Kurz nach elf breche ich zum Recall auf. Ich nehme den Kassettenrecorder mit, damit ich meine Playback-CD's abspielen kann. Wegen der unangenehmen Verwirrungen bin ich auch noch spät dran. Die U-Bahn bringt mich zum Marienplatz. Innerhalb von fünf Minuten renne, nein, fliege ich zum Platzl. Als die Turmuhr zweimal schlägt erreiche ich die Bar. Sie ist leer. Ein Riesenschreck durchfährt mich, denn ich höre sie im Nebenraum singen. Scheiße! Trotz allergrößter Hast und einer exakt pünktlichen Landung bin ich zu spät. Unsicher betrete ich den Raum, sehe, daß circa zwanzig Leute zum recall eingeladen worden waren - hauptsächlich Frauen. Wir Männer sind in der Unterzahl. Gerade einmal fünf Herren halten sich im Raum auf und mein etwas schweres Herz frohlockt. Der Regisseur winkt mich hinein. Ich geselle mich zu den anderen und sehe, etwas gehetzt aber anwesend, in die Noten. Fast der gesamte Cast des letzten Jahres ist vertreten. Von den Männern fehlen nur zwei. Der Regisseur dirigiert den Alt durch seinen Part und kommt zum Tenor. Mein Herz setzt einen Augenblick aus als mir klar wird, das alle anwesenden Männer, einer ausgenommen, Tenöre sind.
Kurz: Wir singen den Opener der neuen Saison. "Be my guest" aus Disneys "Die Schöne und das Biest". Das Resultat ist, wie immer bei den teatro-Bearbeitungen, sehr komplex und schwierig, dafür aber klanglich traumhaft schön. Eine Soprankollegin, die letztes Jahr noch im Ensemble Frondienst leistete, ist zur Choreographin aufgestiegen und hat sich zur Melodie passend ein paar einfache Tanzschritte ausgedacht. Trotzdem kommen wir ins Stocken als nebenbei noch richtig gesungen werden muss. Naja, zumindest macht die Probe Spaß.
Leider bleibt ein fader Geschmack bei mir zurück, als ich gegen drei die Bar verlasse. Ich weiß das ich mich nicht ungeschickt angestellt habe, meine sängerischen und tänzerischen Fähigkeiten sind nicht schlechter als die der anderen Männer. Und doch… Die Produktionsassistentin verabschiedet sich nett von mir, während Produktionsleiter und Regie mir nur flüchtig die Hand geben. Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, aber es fühlt sich seltsam an. Mit einem unguten Gefühl im Bauch fahre ich heim.
- das Ergebnis folgt sobald ich es habe -