
Heute morgen um 7 Uhr früh klingelte lautstark der Handywecker meiner Liebsten. Nach nur fünf ganzen Stunden Schlaf fiel es mir besonders schwer die Augen aufzuschlagen bzw offen zu halten. Zudem ist heute Montag und seit Garfield weiß ich, dass Montag morgens keine Zeit gut ist um aufzustehen - und so früh geweckt zu werden vorsätzliche Körperverletzung. Außerdem bringen Montage Unglück und wie um mein Vorurteil zu bestätigen, habe ich in nächtlicher Selbstüberschätzung den Wecker gestellt, bin also selber für die rüde Unterbrechung meines Schlummers verantwortlich. Das war unglücklich, in der Tat. Nun ja, immerhin reicht jetzt die Zeit für ein anständiges Frühstück. Hmm… Oh ja! Und für einen extragroßen Becher starken Milchkaffees! (Und den sogar mit Amarettosirup!!!)
Pünktlich gegen zehn begann dann der Workshop mit Suzanne. Gegen zehn? Nun… Leider ja. Wegen Unterschätzung eines längeren Anfahrtsweges (räusper) kam ich knapp zehn Minuten zu spät - allerdings nicht allein, da zwei weitere Teilnehmer ebenfalls… sagen wir "Startschwierigkeiten" hatten.
Als wir dann endlich komplett sind, sind wir zu fünfzehnt. Acht Männer und sieben Frauen lauschen aufmerksam dem theoretischen Teil von Suzannes Workshop: Charakterisierung der Rolle, need, action, das Ziel und was es kreuzt, die preview circumstances, sowie die Arbeit des Regisseurs mit dem Schauspieler werden besprochen. Vielen der zehn Regiestudenten sagen die uns darstellenden Künstlern geläufigen Begriffe nichts. Einigen wiederum sind der ein oder andere durchaus bekannt. Es ist gemischt. Aber alle sind bemüht und mit Hingabe dabei als es daran geht das erlernte theoretische Wissen auszuprobieren.
Sissi und ich sind die Versuchskaninchen. Um das Prinzip von need und action zu versinnbildlichen, sollen wir eine improvisierte Szene spielen. Mein need und meine action sind: "to fuck" (need) und "to be a daddy"(action); während Sissi einen "Vamp" (action) mit dem need "to have a daddy" spielen soll. Als ich mein need vernehme schießt mir das Blut in die Ohren. Montage… weitere Erläuterungen erübrigen sich. Süfisant, aber ohne es wirklich bösartig zu meinen, kommentiert Suzanne mein sichtliches Unwohlsein mit "Na komm schon, Du weißt doch wie das geht". Eine Anspielung auf Salvatore d'Angeli - aber den kennt hier ja niemand, und ihrem Ausspruch folgt allgemeine Heiterkeit. Dabei leuchtet mein Kopf schon wie eine genmanipulierte Tomate.
Als wäre nichts vorgefallen beschreibt uns Suzanne unseren Spielraum, sowie die Situation. Eine Bar soll es sein. Nach dem dritten Date. Meine Stimmung ist in Erwartung einer Liebesnacht - denn die vorhergegangenen Verabredungen waren sehr teuer gewesen, und meine Libido ist dementsprechend. Sissi allerdings will nicht mit mir ins Bett. Es wäre ja auch zu einfach gewesen. Nein: Sissi will beschützt werden und sucht inbrünstig nach einem Sugardaddy.
So weit, so gut. Wir sitzen in der imaginären Bar und versuchen uns über unser need und unsere action klar zu werden. Ich versuche Sissi unter allen Umständen ins Bett zu bekommen, während Sie alles daran setzt dies nicht geschehen zu lassen. Kurz: In einer Szene ist es das need das bei uns beiden dominiert, in der darauffolgenden die action, und es zeigt sich, dass die Arbeit mit selbigen gar nicht einfach ist.
Nach einer vortrefflichen Portion eines nicht ganz so vortrefflichen Kartoffelsalats (mit Fränkischen Bratwürsten und Krautsalat) ging es in die erste Drehbuchszene des Workshops. Sissi und Fidi spielen ein Paar, dass auf einer gemeinsamen Wanderung um die Beziehung kämpft. Es ist bezeichnend für die nicht vorhandene Streitkultur der Deutschen, dass alle Konflikte, die die Szene interessant gemacht hätten, mit Absicht vermieden wurden. So ist sie zwar ganz nett, aber eben auch langweilig. Das diese Aussage der jungen Autorin und Regisseurin nicht schmeckt ist ebenfalls klar, aber deswegen sind wir ja hier. So sieht die junge Frau mit wachsendem Unmut, wie ihre Szene nach und nach zu einer emotionalen Tragikomödie mutiert, während sie eigentlich nur Tragik und Drama geplant hatte.
Aber Sissi und Fidi gehen in der Improvisation, die der Szene vorangestellt wird, auch in die Vollen. Sie necken sich, streiten, kämpfen, kommen sich nah und weichen einander aus das es eine Freude ist zuzusehen. Die Szene ist lebendig, man sieht das sie sich lieben, auch wenn klar wird, dass ein Konflikt sich anbahnt, dass die Beziehung auf dem Prüfstand steht. Man lacht über Ihn genauso, wie man mit Ihr leidet. Die Drehbuchszene wirkt in ihrem zweiten Anlauf wesentlich authentischer, lebendiger. Es wird nicht mehr "gespielt". Auch wenn das der jungen Regisseurin nicht so ganz mundet.
Alles in allem war der erste Tag spannend, aufschlussreich und, obwohl anstrengend, durchaus befriedigend.
- Fortsetzung folgt -